Get Social With Us
Märchenmund | Die schönsten Blumen – ein Märchen für den Frühling
Märchen erzählt von Erzählerin Melody Reich
21554
post-template-default,single,single-post,postid-21554,single-format-standard,hazel-core-1.0.7,ajax_fade,page_not_loaded,,vertical_menu_enabled,vertical_menu_transparency,vertical_menu_transparency_on,select-theme-ver-4.7,wpb-js-composer js-comp-ver-7.0,vc_responsive

Die schönsten Blumen – ein Märchen für den Frühling

Es war einmal ein Königspaar, das regierte weise und gerecht ein kleines Königreich. Allen Leuten in ihrem Reich ging es gut und sie waren sehr zufrieden mit ihrem König und ihrer Königin. Die Türen des Palastes standen allen immer offen. Viele kamen, um sich einen Rat bei der Königin zu holen oder ihr Leid über ein Unrecht dem König zu klagen. Der König und die Königin waren glücklich miteinander, mit ihrer Arbeit und ihrem Volk. Nur eines trübte ihre Freude, je älter sie wurden: sie hatten keine eigenen Kinder. 

Als sie in das Alter kamen, da die Kräfte allmählich nachließen, begannen sie darüber nachzudenken, an wen sie den Thron des Landes weitergeben könnten. Auch wohlmeinende Minister und Ministerinnen erinnerten die beiden immer wieder daran, dass sie sich um eine Nachfolge kümmern mussten, wollten sie verhindern, dass nach ihrem Tod womöglich Streit darüber ausbrach, wer das Königreich führen sollte. Der König und die Königin beendeten solcherlei Gespräche allerdings immer schnell.

Stattdessen machten sie abends gemeinsam lange Spaziergänge an dem schön geschwungenen Fluss, der ihr Land durchquerte und sprachen miteinander darüber. „Wenn wir Neffen oder Nichten hätten, wäre das Ganze leichter. Wir hätten sie oft zu uns eingeladen, hätten sie kennengelernt und ihnen alles beigebracht, was wir über das Regieren wissen“, seufzte der König. Aber die beiden waren die einzige Familie, die sie hatten. 

„Wir müssen uns ein Kind aus dem Volk aussuchen. Und wir müssen es bald machen, damit wir ihm noch zur Seite stehen können, wenn es alt genug ist, auf den Thron zu kommen,“ beschloss die Königin. „Du hast recht. Doch wie wollen wir eines aussuchen? Sobald wir den Menschen sagen, dass wir eine Nachfolge suchen, werden alle ihre Kinder anpreisen. Sicher sind gute und kluge Kinder dabei. Aber alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind und schrecken sicher nicht davor zurück, ein wenig zu schwindeln, wenn sie den Charakter und die Fähigkeiten ihres Kindes anpreisen,“ überlegte der König. „Was also ist uns das Wichtigste? Welche Eigenschaft braucht der Mensch, der uns auf dem Thron nachfolgen soll? Wenn wir das wissen, dann können wir uns eine Prüfung erdenken, die uns zeigt, wer diese Eigenschaft mitbringt,“ schlug die Königin vor. So überlegten sie weiter und nach einiger Zeit wussten sie, was sie tun wollten.

Überall im Land war bekannt, wie sehr der König und die Königin ihren Garten liebten. Wann immer sie Zeit hatten, waren sie selbst im Garten und kümmerten sich darum, dass alles wuchs und gedieh. Viel Liebe steckte im Palastgarten, in dem nur die besten Gärtner und Gärtnerinnen des Landes arbeiteten. Von daher verwunderte es die Menschen nicht sehr, als das Königspaar eines Tages ankündigte: „Es wird Zeit, dass wir eine Nachfolge für uns finden. Da wir keine eigenen Kinder haben, haben wir beschlossen, den Thron an ein Kind unseres Landes weiterzugeben. Wer sich um die Thronfolge bewerben möchte, kommt morgen in den Palast. Jedes Kind, Junge oder Mädchen, erhält von uns Blumensamen. Wer im Sommer die schönsten Blumen gezüchtet hat, wird nach uns den Thron besteigen.“

Die Kinder kamen von nah und fern mit ihren Eltern zum Palast. Der König und die Königin saßen auf ihrem Thron. Jedes Kind kam einzeln nach vorn und erhielt von einem der beiden ein paar Samen in die Hand. Bei der Übergabe sahen sie jedem Kind in die Augen: „Gib gut auf die Samen acht und tue dein Bestes, damit sie wachsen. Wenn du dein Bestes gibst, wird das Ergebnis uns freuen.“ Jedes Kind versprach, sein Bestes zu tun und die Samen zu hegen und zu pflegen. 

Zuhause gaben die Eltern den Kindern die beste Erde, die sie beschaffen konnten, die schönsten Töpfe und sie stellten die Töpfe an geschützte, sonnige Plätze am Haus oder im Garten. Viele waren davon überzeugt, dass sie es schaffen würden, bald König oder Königin zu sein.

Auch die Tochter einer armen, aber ehrlichen Wäscherin hatte Blumensamen bekommen. Sie hatte zwar keine ausgefallenen Töpfe, aber sie wusste, wo sie nahrhafte Erde für die Samen am Fluss finden konnte. Sie holte sich von dieser Erde, vorsichtig, um die Pflanzen, die bereits auf dieser Erde wuchsen, nicht zu verletzten. Sie legte die Samen sorgsam in die Töpfe und stellte diese auf die Fensterbank, die morgens als erstes von der Sonne beschienen wurde. Jeden Morgen lief sie zu den Töpfen, prüfte die Erde, ob sie zu trocken war und sprach den Samen gut zu, auf dass sie wachsen würden. Tag für Tag hoffte sie, dass sich die ersten Blättchen zeigen würden, doch die Zeit verging und die Töpfe blieben wie sie gewesen waren. Sie stellte die Töpfe an einen anderen Ort, hoffte, dass die Mittagssonne vielleicht die Samen besser zum Wachsen verführen würde als die morgendlichen Sonnenstrahlen. Sie mischte ein wenig von dem Pferdemist, den sie von einem freundlichen Nachbarn erhalten hatte, unter die Erde. Sie wartete und hoffte. Aber in den Töpfen zeigten sich keine jungen Triebe. So blieb es bis zu dem Tag, an dem alle mit ihren Töpfen in den schönen Palastgarten kommen sollten. Das Mädchen schaute traurig auf ihre Töpfe und wollte sich gar nicht auf den Weg zum Palast machen. Ihre Mutter legte einen Arm um die Schultern ihrer Tochter: „Mein Kind, es wird Zeit, dass wir zum Palast gehen.“ Das Mädchen schüttelte ihren Kopf: „Ach, Mutter, meine leeren Töpfe werden dem König und der Königin gewiss nicht gefallen. Ich bleibe lieber hier.“ „Mein Kind, hast du dein Bestes gegeben bei der Pflege der Samen?“ „Ja, Mutter, das habe ich gemacht.“ „Das schien mir auch so. Du hast alles getan, damit die Samen wachsen. Erinnerst du dich daran, was die Königin zu dir gesagt hat, als sie dir die Samen gab?“ Das Mädchen überlegte. „Ja. Sie sagte: wenn du dein Bestes gibst, wird das Ergebnis uns freuen.“ „Dann wirst du also dem Königspaar eine Freude bereiten. Komm, nimm deine Töpfe und wir gehen zum Palastgarten.“

So machten sie sich auf den Weg. Als sie am Palastgarten ankamen, waren viele andere Kinder mit ihren Eltern schon da. Alle hatten prächtige Blumen in ihren Töpfen. Jede erdenkliche Sorte von Blumen war da zu finden, alle Farben wetteiferten miteinander, viele verströmten einen wunderbaren Duft – es war geradezu zauberhaft! Die Tochter der Wäscherin wäre am Liebsten wieder umgekehrt, sie schämte sich, dass ihre Töpfe leer waren. Doch ihre Mutter suchte für sie einen Platz zwischen den anderen und nickte ihr ermunternd zu. Seufzend stellte sie ihre Töpfe auf einen Stein und beobachtete, wie der König und die Königin durch die Reihen des leuchtenden Blütenmeeres schritten und den Kindern zunickten. Ab und zu blieben sie stehen und sprachen mit den jungen Gärtnern und Gärtnerinnen. Aber ihre Gesichter waren nicht fröhlich. 

Als die Königin zu der Tochter der Wäscherin kam, blieb sie stehen und das erste Mal an diesem Tag huschte ein Lächeln über die Lippen der Königin. Das sah das Mädchen aber nicht, da sie zu Boden starrte. Die Königin fragte freundlich: „Warum sind deine Töpfe leer, mein Kind?“ „Ich habe sie gehegt und gepflegt, habe alles versucht, was ich weiß, aber die Samen sind nicht aufgegangen. Mein Bestes hat nicht ausgereicht, um sie zum Wachsen zu bringen.“ Da rief die Königin den König herbei. Als der die leeren Töpfe sah, strahlte er: „Das ist der schönste Anblick, den ich mir heute wünschen kann! Komm mit uns, nimm die Töpfe mit und auch deine Mutter!“ Gemeinsam gingen sie auf die Terrasse vor dem Palast. Die anderen Kinder und Eltern schauten ihnen erstaunt hinterher. Was hatte dies zu bedeuten? Seit wann schätze das Königspaar leere Töpfe?

Der König und die Königin stellten sich neben das Mädchen und legten ihr eine Hand auf die Schultern. Der König verkündete: „Wir danken euch allen für eure Mühe und Arbeit, für all die schönen Blumen! Wir haben unsere Nachfolgerin gefunden!“ Die Königin fuhr fort: „Ehrlichkeit ist für uns die wichtigste Eigenschaft, die ein König oder eine Königin haben kann. Nur mit Ehrlichkeit kann man auch gerecht regieren. Und man braucht Mut, um ein Königreich zu führen, den Mut zu dem Ergebnis zu stehen, das man erzielt hat. Darum haben wir die Samen, die wir euch gaben, vorher gekocht. Es konnten keine Blumen daraus wachsen. Dieses Mädchen ist ehrlich und mutig und somit die rechte Nachfolgerin für uns! Ab heute wird sie mit ihrer Mutter bei uns im Palast wohnen und alles Weitere lernen, was sie braucht, um eines Tages zu regieren!“

Die Leute erkannten die Weisheit ihres Königspaares und jubelten ihnen zu.

Die Tochter der Wäscherin lernte schnell. Als sie den Thron übernahm, regierte sie genauso gerecht, wie das Königspaar zuvor und allen im Land ging es weiterhin gut.

Nach dem koreanischen Märchen: Soniri, der Thronfolger

Fassung: Melody Reich

Gedanken zum Märchen

Die Geschichte erzählt nicht, warum das Königspaar kinderlos geblieben ist. Vielleicht haben sie einfach ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit in ihre Arbeit gesteckt, die sie als sinnvoll erlebten. Und in ihre Beziehung. Doch mit dem Älterwerden kommt auch für sie die Frage danach, wer ihren Platz einmal einnehmen soll. Sie nehmen diese Aufgabe an und bewältigen sie mit Hilfe ihrer Lebensweisheit. Sie entscheiden, was für sie die wichtigste Eigenschaft in einem Menschen ist, dem sie das Reich anvertrauen wollen und kommen auf eine ungewöhnliche Prüfung.

Ihre Liebe zu den Pflanzen muss überall bekannt gewesen sein. Niemand wundert sich über die Aufgabe, die sie dem möglichen Nachfolger, der möglichen Nachfolgerin stellen. Alle gehen mit Feuereifer an das Pflanzen, Hegen und Pflegen. Damit ist das Thema Wachstum und die Förderung von Wachstum mit der Erlangung der Königswürde verbunden. 

Wie wohl die Entscheidung bei den allermeisten Familien abgelaufen ist, die Samen auszutauschen? Sicher war die Enttäuschung bei allen Kindern groß, als die Samen nicht aufgingen. Vielleicht hat jede Familie gedacht, dass sie einfach Pech hatten bei der Verteilung der Samen. Vielleicht wollten viele Eltern den Kindern die Enttäuschung nehmen, indem sie ihnen neue Samen gaben. Oder sie fanden es zu schwer, zugeben zu müssen, dass gerade aus ihren Samen keine Blume entstanden ist? Wer weiß. Sicher gab es auch die ehrgeizigen Eltern, die ihr Kind auf jeden Fall auf dem Thron sehen wollten. Aber in der Tat ist es ja mitunter schwer, dazu zu stehen, dass aus einem Projekt nichts geworden ist, obwohl man sein Bestes gegeben hat. Der Gedanke, dass die eigene Leistung nicht so viel erbracht hat, wie bei anderen, ist nicht immer leicht zu ertragen.

Mir war es wichtig, dass die Mutter des Mädchens sie daran erinnert, dass sie ihr Bestes gegeben hat und dass es das ist, was zählt. Der Prozess, die Hingabe an die Aufgabe, die Liebe, die in die Arbeit fließt, all das ist das Entscheidende, nicht das Ergebnis, nicht der Vergleich mit den anderen. Das empfinde ich als wohltuend anders. Allzu oft steht meiner Meinung nach bei unserem Tun das Ergebnis im Vordergrund und der Vergleich. Doch echte Überraschungen und Neues entsteht aus dem Prozess. So erlebt das Mädchen die Überraschung, das sie als einzige die Prüfung bestanden hat. Für das Königspaar ist Ehrlichkeit die entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Königreich weiterhin gut und gerecht geführt wird. Das beinhaltet auch das Zugeständnis von einem Scheitern. Es geht nicht darum perfekt zu sein. Manchmal ist ein Scheitern unabänderlich. Weitergehen kann es trotzdem. Eine wohltuende Botschaft, wie ich finde.

No Comments

Post a Comment