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Märchenmund | Zeit für ein Novembermärchen
Märchen erzählt von Erzählerin Melody Reich
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Zeit für ein Novembermärchen

Der Freund mit den treuen Augen

 

Viel und aberviel Schlaf war schon durch das Verlorene Tal gegangen. Jahr und Jahr hatte der alte Wahu die Schwärme der Wildgänse ziehen sehen und das Stampfen unübersehbarer Büffelherden gehört.

„So wie diese Wildgänse davonziehen, werde auch ich bald davonziehen“, sagte er sich.

Alles, was ihm im Leben lieb gewesen, hatte die Zeit auf ihren unerbittlichen Flügeln davongetragen. Und eines Abends, als gerade die Sterne aufgingen, senkten sich lange Schatten über das Indianerlager und brachten ihm die Botschaft des großen Manitou: „Der Große Geist erwartet dich, rüste dich für deine letzte Reise! Nimm Abschied, Wahu, nimm Abschied …“, flüsterten ihm die Schatten zu.

„Von wem sollte ich Abschied nehmen?“, fragte der Greis traurig. „Meine Söhne und Töchter haben längst anderswo ihre Zelte errichtet, und hier wird keiner weinen, wenn ich gehe …“

Wahu erhob sich, bückte sich nach seinem abgenutzten Paddel und ging langsam zum Fluss.

Aus dem Wasser stieg grauer Nebel auf, als Wahu zum letzten Mal sein Kanu vom Ufer abstieß. Lautlos floss der Strom und trug das Boot zu den Ewigen Jagdgründen.

Und doch … hätte der alte Indianer zurückgeschaut, würde er gesehen haben, dass am Ufer jemand hinter ihm herlief und ihm mit traurigen Augen nachblickte. Aber der Greis hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen. Er überließ das Boot dem Fluss. Die Strömung riss es mit sich und trug es immer schneller und schneller dem Ziel zu. Und während sein Kanu den Donnernden Wasserfällen zujagte, schwebte über dem Brausen und Dröhnen leise und wehmütig Wahus Todesmelodie.

Aber außer Wahu hatte sich noch ein anderer in den Fluss gestürzt und auch er war von der Strömung in den Abgrund der Stürzenden Wasser getragen worden.

Wahu sank in dem ohrenbetäubenden Getöse tiefer und tiefer, bis das Kanu endlich auf einer milchweißen Fläche von selbst Halt machte. „Der weiße Fluss,“ dachte Wahu, „jetzt werde ich bald am Ziel sein.“

Da sah er zwei Felsen vor sich, die ein großes Tor bildeten. Wahu ließ sich von den Wellen ans Ufer tragen und kaum war er ausgestiegen, da traten die Felsen auseinander, und zwei stattlich Krieger standen in hellem Licht vor ihm.

„Wir sind die Hüter der Ewigen Jagdgründe,“ sagte der eine zu Wahu. „Wir haben dich schon erwartet.“

„Bist du allein gekommen?“, fragte der andere. „Hast du nicht einen Freund mitgebracht?“

„Es hat sich niemand mehr um mich gekümmert, geschweige denn mir das letzte Geleit gegeben,“ antwortete der alte Indianer.

„So? Und wer ist das da im Wasser, der dich so traurig anschaut?“

Wahu fuhr herum – und blickte in die treuesten aller Augen, die treuesten, die er je gesehen hatte.

„Mein Hund! Das ist mein Hund“, flüsterte er tief bewegt.

Er stieg zu dem Weißen Fluss hinunter und schloss seinen vierbeinigen Kameraden in die Arme.

„An ihn hatte ich mit keinem Gedanken gedacht“, sagte er dann zu den Wächtern.

„Und doch hat er dich am meisten geliebt…“, hörte Wahu aus der Ferne die mächtige Stimme Manitous, des Großen Geistes.

Und so, mit seinem besten Freund an der Seite, hat der alte Indianer die Ewigen Jagdgründe bezogen, von denen es keine Wiederkehr gibt.

Märchen der Blackfoot

Aus: Marlies Arnold, 3-Minuten-Märchen aus aller Welt, Könemann Verlag 2001

 

Gedanken zum Märchen

 

Dieses Märchen hat viele Bilder, die mich tief bewegen.

Es gefällt mir, wie das Vergehen der Zeit am Schlaf, dem kleinen Bruder des Todes, und an der Bewegung der Natur, die beständiges Leben ist, beschrieben wird.

Wahu weiß die Zeichen der Zeit zu deuten, weiß um seine nur noch begrenzt zur Verfügung stehende Zeit. Er scheint versöhnt mit diesem Gedanken, viel Abschied hat er schon nehmen müssen. Haben diese Abschiede ihn auf den großen Abschied vorbereitet? In jedem Fall hadert er nicht damit, als er die Botschaft des großen Manitou vernimmt, dass er nun vom großen Geist erwartet wird. Er steht sogleich auf und geht, um sich in den Fluten zu überlassen, die ihn in die Ewigen Jagdgründe bringen werden. Ich habe große Achtung vor dieser Gelassenheit, vor der Bereitwilligkeit, mit der er sein Ende auf dieser Welt akzeptiert und wünsche mir, dass auch ich den Ruf eines Tages wahrnehme und ihm bewusst Folge leisten kann. Ich empfinde dies als einen tiefen Segen.

Und doch macht es mich auch traurig, wie Wahu so ganz alleine seinen letzten Weg antritt. Das Märchen erzählt nicht, warum er keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern hat, nur, dass sie woanders ihr Zelt aufgeschlagen haben. So ist es sicher schon vielen Eltern vor Wahu ergangen und unzähligen nach ihm. Das Märchen bewertet das nicht. Es ist wie es ist.

Wahu wähnt sich allein, von der Welt verlassen, aber er ist es nicht, traurige Augen folgen seinem letzten Gang, nicht bloß bis zum Ufer des Flusses, nicht nur auf seiner strömenden Reise, sondern bis ganz ans Ziel. Selbst als Wahu bei den Wächtern ankommt, ist er sich nicht bewusst, dass er Begleitung hatte. Die Wächter machen Wahu auf seinen Hund aufmerksam und nun kommt innere und äußere Bewegung in ihm auf, er holt den Hund zu sich, schließt ihn in seine Arme und kann gemeinsam mit seinem besten Freund in die Ewigen Jagdgründe einziehen. Welch ein tröstliches, versöhnendes Bild.

 

Weitere Gedanken zu diesem Märchen und dem Bild des Hundes finden sich in der Frühlingsausgabe 2015 vom „Märchenforum – Zeitschrift für Märchen und Erzählkunst“. Rita Wegmüller hat ihre Gedanken dort geteilt.

 

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