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Märchenmund | Antithese am Wegesrand
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Antithese am Wegesrand

Antithese am Wegesrand

Anfang der Woche fiel mir etwas Schönes am Wegesrand auf, das so einige Gegensätze in sich trägt.  Ich habe es gleich fotografiert. Inzwischen ist diese Poesie durch Regen und Wind bereits vergangen:

 

 

Mir fällt dazu ein:

Hart und weich

Dauer und Vergänglichkeit

Erde und Luft

Erstarrung und Sanftheit … sicher lassen sich noch mehr Gegensätze finden. Fallen Euch noch welche ein?

Außerdem erinnert mich diese Kombination an ein Märchen aus Japan, das ich nun an dieser Stelle mit Euch teilen möchte:

 

 

Das Mädchen mit dem Holznapf

 

Es trug sich einmal zu, vor sehr, sehr langer Zeit, dass dem Fürsten von Etschu ein Kind geboren wurde. Lange hatten er und seine Frau sich ein Kind gewünscht und nun war ihr Wunsch endlich in Erfüllung gegangen. Doch als sie ihr Kind betrachteten, da war es ein Mädchen, das ganz und gar absonderlich aussah, denn auf dem Kopf trug es einen Holznapf.

So sehr die Eltern sich auch mühten, dem Kind den Napf abzunehmen, es war unmöglich. Das Gefäß aus glänzendem, hellem Holz saß fest und ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Es reichte dem Mädchen bis auf die Schultern und rein gar nichts war von seinem Gesicht zu erkennen.

Die Eltern waren betrübt und versuchten immer wieder, dem Kind den Napf vom Kopf zu ziehen, aber er saß fest wie ein hölzerner Haarschopf. Als sie erkannten, dass nichts ihnen helfen konnte, beschlossen sie, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Die Mutter nahm das Mädchen in ihre Arme: „Es ist unser Kind. Wir wollen es lieben, so wie es auf die Welt gekommen ist. Auch wenn wir nicht sehen können, wie es aussieht, so werden wir doch spüren, wann es weint und wann es lacht. Wir wollen es Hanako nennen.“ Hanako heißt Blütenkind.

So wuchs Blütenkind heran in der Liebe seiner Eltern und niemand rat ihr ein Leid. Bald merkten ihre Eltern, dass sie durch einen winzigen Winkel unter dem Napf hervor sehen konnte, was um sie vorging. So konnte sie alles tun, was andere Kinder auch tun. Nur kämmen konnte sie sich nicht. Einmal, als sie noch sehr klein war, nahm sie einen Kamm der Mutter und führte ihn zum Kopf. Aber als sie gegen den hölzernen Napf stieß, legte sie den Kamm beiseite und versuchte es niemals wieder.

Blütenkind wuchs heran und war ein freundliches, kluges Kind. Ihre Eltern liebten sie sehr, aber sie sorgten sich, was sein würde, wenn ihr Kind erwachsen und ohne Vater und Mutter wäre. Besonders die Mutter sorgte sich. Der Vater versuchte sie zu beruhigen: „Ihr gutes Herz wird ihr helfen. Güte und Freundlichkeit sind mehr wert als alle Schönheit.“ Die Mutter blieb besorgt: „Wir können nur hoffen, dass die Menschen Blütenkinds eigene Schönheit erkennen.“

Blütenkind spielte im Hof des Hauses ihrer Eltern und sie half ihrer Mutter und lernte viel von ihr. Vor allem lernte sie auf der Harfe zu spielen und verstand es bald besser als die Mutter. So schön war Blütenkinds Spiel, so zart die Melodien, die sie erdachte, dass jeder, der sie hörte, die Hände sinken und stehen ließ, womit er gerade beschäftigt war, und ihrem Spiel lauschte. Es klang, als ob die Harfe weinte und lachte, jubelte und klagte. Blütenkind und ihre Eltern waren glücklich.

Als das Mädchen aber dreizehn Jahre alt geworden war, brach das Unglück über sie herein. Eine schwere Krankheit lag über dem Land und viele Menschen starben.

Auch die Eltern von Blütenkind starben.

Nun war Blütenkind allein. Verwandte holten sie zu sich ins Haus. Zunächst schien es, als würden Onkel und Tante gut für sie sorgen, doch schon bald war es aus mit ihrem Mitgefühl und sie begannen sich ihrer zu schämen.

„Wie das Mädchen aussieht! Wir können uns mit ihr nicht aus dem Haus wagen. Die Nachbarn würden über uns lachen.“

„Wer weiß, was sich unter dem Holznapf verbirgt – vielleicht eine hässliche Fratze. Oder ein böser Geist, der Unglück über uns bringen wird.“

So redeten Onkel und Tante miteinander und fanden es immer schlimmer, Blütenkind um sich zu haben. Schließlich kamen sie zu dem Schluss:

„Es ist uns nicht zuzumuten, mit einem solchen Geschöpf unter einem Dach zu leben. Das Mädchen muss aus dem Haus!“

Sie nannten Blütenkind nicht länger Blütenkind, sondern: Mädchen mit dem Holznapf. Blütenkind mühte sich, freundlich und gut zu Tante und Onkel zu sein, aber sie wurde immer trauriger und bekümmerter.

Und eines Tages ging sie aus dem Haus und kam nie wieder. Sie ging und ging, bis sie zu den großen Wäldern des Fürstentums gelangte. Die Wälder grenzten an das Nachbarfürstentum. Blütenkind lief immer tiefer und tiefer in die Wälder. Am Abend erreichte sie die Hütte von zwei Köhlern. Sie klopfte an die Tür und bat freundlich um Unterkunft für eine Nacht.

Die Köhler erschraken zunächst, als sie das sonderbare Geschöpf mit dem Holznapf sahen, merkten aber schnell, dass es nichts Böses im Sinn hatte, und gaben dem Mädchen ein Lager für eine Nacht.

Am nächsten Morgen, als Blütenkind gerade seine wenige Habe bündelte und sich von den Köhlern verabschieden wollte, traf es sich, dass der Fürst des Nachbarreiches eben an dieser Stelle durch den Wald ritt. Als er das Mädchen sah, wusste er sogleich, wen er vor sich hatte, da er mit dem Vater des Mädchens befreundet gewesen war. Weil er Mitleid mit dem armen Geschöpf hatte, das einen Holznapf auf dem Kopf trug, zügelte er sein Pferd und hielt an: „Bist du Blütenkind, die Tochter des Fürsten dieses Reiches?“ Blütenkind nickte: „Genau die bin ich.“

„Der kalte Winter wird bald in diesen Wäldern Einzug halten, du kannst hier nicht bleiben. Willst du in meinem Haus leben und in der Küche arbeiten? Ich habe deinen Vater gekannt, er war mir immer ein Freund, darum will ich dir gern Obdach geben.“

Blütenkind willigte ein, verabschiedete sich von den Köhlern und ließ sich in das Haus des Fürsten führen.

Sie musste in der Küche Dienste verrichten, die im Haus ihres Vaters die Diener für sie getan hatten, aber sie war zufrieden und tat die Arbeit gern, denn nie fiel ein böses Wort gegen sie und niemand lachte über den großen Napf auf ihrem Kopf.

Der Fürst hatte vier Söhne. Drei waren schon verheiratet und lebten mit ihren Frauen in dem Haus, der Jüngste aber hatte noch keine Frau gefunden, die ihm gefiel. Und seltsam, als er mit Blütenkind bekannt gemacht wurde, fühlte er sich von ihr angezogen und suchte ihre Nähe, wann immer er konnte. Er liebte ihr Stimme und ihre schönen, ruhigen Bewegungen und es dauerte nicht lange, da erkannte er, dass er Blütenkind liebte. Eines Tages ging er zu seinem Vater: „Vater! Ich habe nun eine Frau gefunden, mit der ich mein Leben teilen möchte! Ich liebe Blütenkind und möchte keine andere als sie heiraten!“

Der Fürst war bestürzt. Auch er hatte Blütenkind lieb gewonnen, aber dass sein jüngster Sohn ein so unvollkommenes Geschöpf zu seiner Frau machen wollte, gefiel ihm nicht. Da er seinen Sohn aber liebte und ihm von Herzen zugetan war, suchte er Rat bei der Amme, die den Jungen großgezogen hatte.

Der Amme gefiel der Gedanke an eine Heirat zwischen Blütenkind und dem jüngsten Fürstensohn ganz und gar nicht. Sie war der Meinung, dass sie diese Heirat unbedingt verhindern müsse. So riet sie dem Fürsten: „Mein Herr, lasst doch einen Brautvergleich anstellen. Wenn euer Sohn sieht, wie hässlich seine Braut im Vergleich mit den Frauen seiner Brüder ist, wird er schon zur Vernunft kommen.“

Dem Fürsten gefiel diese Idee. Es war zu diesen Zeiten nichts Ungewöhnliches, dass die Schwiegertöchter miteinander eiferten, welche die Schönste und Anmutigste von ihnen war.

Die drei Frauen der Brüder waren gleich zu diesem Wettbewerb bereit. Sie mochten Blütenkind nicht und hatten Angst vor ihr. Sie fragten sich, was sie wohl Schreckliches unter dem Holznapf verbarg. So gingen die drei gleich daran, sich für den Brautvergleich zu schmücken. Sie badeten in Blumenöl, flochten ihr langes Haar zu seidig glänzenden Zöpfen und türmten sie auf ihren Köpfen zu kunstvollen Gebilden. Sie schlüpften in ihre schönsten, farbenprächtigsten Kimonos, legten ihren kostbarsten Schmuck an und traten zum verabredeten Zeitpunkt gemeinsam in den festlich geschmückten Saal, in dem der Brautvergleich stattfinden sollte. Sie ließen sich auf ihren reich bestickten Kissen nieder, vor denen ihre Zupfinstrumente lagen, mit denen sie den geladenen Gästen ihre Lieder vorspielen wollten. So warteten sie auf das Mädchen mit dem Holznapf.

Blütenkind hatte sich nicht fein gemacht. Sie kam aus der Küche ich ihrem Kleid, das sie bei der Arbeit trug. Als sie unter dem Rand ihres Holznapfes hervor die schönen, geschmückten Frauen sah, die hochnäsig zu ihr herüberlachten, da machte sie auf dem Absatz kehrt und wollte aus dem Haus laufen. Der jüngst Sohn aber sprang auf und hielt sie fest. „Blütenkind, für mich bist du die Schönste hier. Mir zuliebe tritt ein und spiel uns eine Melodie.“ Das fasste Blütenkind Mut und ließ sich die große Harfe des Fürsten bringen. Sie ließ sich vor dem Instrument nieder und begann die Saiten zu zupfen. Und die Melodie, die sie spielte, war so wunderbar, dass allen Augen und Ohren offen standen vor Verwunderung und selbst die Schwiegertöchter brachten kein Wort hervor. Als sie geendet hatte, sprang der jüngste Sohn auf und fasste Blütenkind bei der Hand: „Niemand anders als Blütenkind soll meine Frau werden!“

In diesem Augenblick fiel mit einem Poltern der Holznapf vom Kopf des Mädchens und Perlen und Edelsteine rollten aus ihm hervor. Und da stand Blütenkind mit langem, seidigem Haar, schön wie die aufgehende Sonne, und sie verneigte sich vor ihrem Mann.

So wurde aus dem Mädchen mit dem Holznapf endgültig Blütenkind. Sie lebte lange und glücklich mit ihrem Mann und ihre Schwägerinnen hüteten sich, je wieder über sie zu spotten.

Märchen aus Japan, leicht bearbeitet von Melody Reich