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Märchen "Der glückliche Knabe" – Einstimmung auf den Erzählfrühling | Märchenmund
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Märchen „Der glückliche Knabe“ – Einstimmung auf den Erzählfrühling

Märchen „Der glückliche Knabe“ – Einstimmung auf den Erzählfrühling

Erzählfrühling in Gelsenkirchen – in einer Woche geht es los!

 

Am 28.4.17 um 20 Uhr beginnt in der Kellerbar des Consol Theaters der Erzählfrühling, der in diesem Jahr im Schwerpunkt Geschichten und Märchen aus dem nahen und fernen Orient hat. André Wülfing wird zu dieser Gelegenheit „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ erzählen.

Ich habe das Thema des Erzählfrühlings zum Anlass genommen, wieder einmal tief in die märchenhafte Welt hinein zu tauchen und habe einige Schätze an die Oberfläche holen können. Einige davon werde ich erzählen., wie z.B. die Geschichte von Kamala, die sich trotz widriger Lebensumstände nicht den Schneid abkaufen lässt. Wer ihre Geschichte hören möchte, kommt am Montag, 22. Mai um 14.45 Uhr in die Stadtteilbibliothek Gelsenkirchen-Buer.

Einen kleinen Schatz möchte ich hier zur Einstimmung teilen. Dieses Märchen aus dem Iran ist wie eine Brücke zwischen dem Thema „Märchen und Glück“ und der Märchenwelt des Orients.

 

Der glückliche Knabe

 

Vor Hunderten von Jahren lebten unter dem blauen Himmel in einem Haus am Waldrand ein Mann und eine Frau mit ihrem Sohn. Sie waren sehr arm.

Der Junge spielte den ganzen Tag mit anderen Kindern und tollte im Wald umher. Am Abend aber brachte sein Vater ihm Lesen und Schreiben bei. Eines Tages nahm die Mutter ihn zur Seite: „Es ist nun an der Zeit, dass du dem Vater hilfst, Söhnchen! Heute haben wir nichts zu essen. Geh ans Meer und fang ein paar Fische!“

Der Knabe nahm das Netz und ging zum Meer. Er warf das Netz aus. Als er es wieder herauszog, sah er einen Fisch, der schillerte golden, rot und blau. Der Fisch schaute ganz traurig und begann mit menschlicher Stimme zu reden: „Lass mich wieder ins Meer zurück! Zur Belohnung schenke ich dir eine Zauberschere. Alles, was du damit ausschneidest, wird Wirklichkeit werden.“

Der Junge lächelte. Er hatte Mitleid mit dem Fisch und ließ ihn ins Wasser leiten. Und da hielt der Knabe plötzlich eine Schere in der Hand. Er blickte sich um und sah ein gelbes Blatt vom Baum fallen. Der Knabe nahm es und schnitt ein Schloss daraus, und, o Wunder, das Schloss begann zu wachsen, bis es zu einem riesengroßen herrlichen Schloss wurde. Ringsumher aber war es öde. Da sammelte der Knabe noch andere Blätter, gelbe, grüne, rote, braune und begann daraus Blumen, Gras und Bäume zu schneiden. Und siehe, um das Schloss herum breitete sich ein blühender Garten.

Der Junge lief nach Hause. Er schnitt aus Papier Kleider für seine Mutter, seinen Vater und für sich, und alle standen in Samt und Seide. Sie zogen in das Schloss und lebten in größerem Reichtum als der König.

Doch mit der Zeit begann der Knabe traurig zu werden. Die Eltern ließen ihn nicht in den Garten hinaus und erlaubten ihm nicht, mit seinen früheren Spielkameraden, die arm waren, zu spielen. Er hatte keinen Freund mehr.

Zu alledem ermahnte ihn die Mutter ständig: „Gib acht auf deine teuren Kleider, wälze dich nicht im Sand, beschmutze dich nicht!“

Sie ließen ihn weder in den Wald noch aufs Feld und nicht einmal ans Meer. Die Mutter fürchtete, der Fisch würde ihm die Zauberschere wegnehmen.

Eines Tages hatte der Knabe dieses Leben satt. Er hörte von weitem das Lachen und Rufen der Kinder und wollte gern bei ihnen sein und spielen. Er schlüpfte leise aus dem Zimmer und lief durch den Garten ans Meer. Dort rief er nach dem Fisch: „Mein Fisch, du schöner! Wo bist du? Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich dein goldenes Schloss nicht brauche! Hilf mir, Fisch, gib mir meine Freunde zurück!“

Sogleich kam der dreifarbene Fisch zurück: „Es soll so sein, wie es dir gefällt, mein Freund! Wirf bei Sonnenaufgang die Schere ins Meer, pfeife dreimal – und du wirst so glücklich sein wie einst!“

Bei den ersten Strahlen der Morgensonne warf der Knabe die Schere ins Meer und pfiff dreimal. Als er nach Hause zurückkehrte, war das Schloss verschwunden. Vor der Tür des alten Hauses stand die Mutter, lächelte ihm zu und küsste ihn. Dann ließ sie ihn wieder mit seinen Freunden spielen.

Gefunden in: Märchenforum Nr. 42, Armut und Reichtum im Märchen, bearbeitet von Melody Reich.