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Märchen und Glück – Teil 2 | Märchenmund
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Märchen und Glück – Teil 2

Märchen und Glück – Teil 2

Märchen und Glück Teil 2

 

Die zweite Art von Glück, mit der sich Schmid in seinem kleinen Bändchen beschäftigt, nennt er das Wohlfühlglück. Darunter versteht er z.B. gute Stimmung, angenehme Erfahrungen, Spaß, Lust, Erfolg und Gesundheit. Es ist vielleicht die Art von Glück, das am häufigsten heutzutage in unserer Gesellschaft angestrebt wird.

Diese Art von Glück intensiv zu erfahren, kann wunderbar stärkend sein. Das Leben mit allen Sinnen genießen heißt ja auch, sich unglaublich lebendig zu fühlen.

Leider hält das Wohlfühlglück nie lang an und es besteht immer die Gefahr, eines „zu viel“ davon, was wiederum zu Unlust führt. Außerdem ist es oft mit einer hohen Erwartungshaltung verbunden, die es schwierig macht, Zeiten durchzustehen, die nicht vom Wohlfühlglück geprägt sind. Außerdem wecken Wohlfühlglück-Erfahrungen oft die Erwartung, dass sie sich genau so, wie einmal erlebt, wiederholen lassen. Auch das ist eine problematische Haltung, da sich Erlebnisse nie genau so wie sie einmal waren, wiederholen lassen.

Wer danach strebt, Schmerzen und Leiden aus seinem Leben zu entfernen, bringt sich um die Kontrasterfahrung, welche notwendig ist, damit wir überhaupt Lust empfinden können. Schmid vermutet, dass Leiden und Leidensdruck Menschen dazu bewegen, Neues zu denken und zu erfinden.

Ich habe ein wunderbares Märchen gefunden, das uns erzählt, wie es einem gehen kann, der im Überfluss des Wohlfühlglücks lebt.

 

 

Das süßeste Brot der Welt

Einmal, vor langer Zeit, lebte ein König, der war sehr reich. Was immer er wollte und was immer auch sein Herz begehrte, er bekam es. So hatte er alles, einfach, alles, was man sich nur denken und wünschen konnte. Man möchte sagen, er war der glücklichste König der Welt.

 

Eines Tages aber, da geschah etwas ganz Merkwürdiges. Der König verlor seinen Appetit und wollte einfach nichts essen. Dies geschah ganz unerwartet, und alle Minister und auch die Köche des Königs gerieten in große Aufregung. Aber der König hatte nun einmal die Lust am Essen verloren, obwohl er zuvor immer gerne und reichlich dem Essen zugesprochen hatte. Doch nun wollte er nichts mehr in seinen königlichen Mund stecken. Nichts, gar nichts mehr. Bald wurde er dünn und immer dünner, bis er am Ende ganz abgemagert war. Dabei wurde er mit jedem Tag missmutiger und war stets übelgelaunt.

 

Die Ärzte des Königs kamen, ließen ihn zur Ader und gaben ihm sogleich allerlei Heilkräuter und Pulver. Aber all dies half nicht die Bohne, der König blieb appetitlos. Nie mehr verlangte er nach Essen, absolut nichts wollte und mochte er zu sich nehmen. Nicht einmal die Milch des Vogels, wie man in Griechenland sagt, also das Beste vom Besten. Da wurden Ärzte aus aller Herren Länder an den Königshof gerufen, denn der König war unterdessen ein Bild des Jammers, nur noch Haut und Knochen. Doch all ihre Kunst vermochte nichts auszurichten, der Zustand des Königs verschlimmerte sich mit jedem Tag.

 

Eines Tages kam ein alter, weißhaariger Bauer in die Stadt. Dieser war zwar arm, doch kannte er sich mit dem Leben und den Heilkräften der Natur gut aus. Als er von dem Zustand des Königs erfuhr, ging er zum Palast und ließ sich bei diesem melden.

 

Der König saß auf seinem prachtvollen, goldenen Thron und sah dem Alten missmutig entgegen.

„Mein König, bist du vielleicht müde und findest keine Ruhe?“, fragte der Bauer.

„Was redest du denn da,“ antwortete der König. „Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Thron und rühre keinen Finger, wie soll ich denn da müde werden?“

„Vielleicht machst du dir große Sorgen um das Wohlergehen deines Volkes?“

„Nichts da! Alle leben glücklich und zufrieden! Du siehst, ich lebe ohne jede Sorge. Mir brennt kein Nagel unten den Füßen, wie man sagt, für nichts und niemanden.“

„Dann bedroht vielleicht ein Feind dein Reich?“

„Ein Feind? Dass ich nicht lache! Mit all meinen Nachbarn lebe ich im schönsten Frieden und Einvernehmen.“

„Vielleicht hast du irgendwo etwas gesehen und möchtest es gerne haben, und bekommst es nicht?“

„Ja, wo denkst du denn hin! Weißt du denn nicht, dass ich der König bin, und alles, was ich haben möchte auch sogleich bekomme?“

Der Alte dachte eine Weile nach, plötzlich erhellte sich seine Miene: „Nun weiß ich, was dir fehlt, höre König, es ist nichts wirklich Ernstes. Das was schuld ist, ist das Brot, das du in deinem Palast zu essen bekommst. Könntest du das süßeste Brot der Welt essen, so würdest du bald geheilt sein.“

 

Als der König dies hörte, war er ganz erstaunt, bedankte sich herzlich bei dem Alten und entließ ihn. Danach befahl er seinen Palastbäckern, dass sie ihm das süßeste Brot der Welt backen sollten.

Die fingen auch sogleich an, mengten Teig, gaben Zucker oder Honig, Sirup oder Süßholz oder was es sonst an süßen Zutaten gab, hinein und buken das süßeste Brot der Welt.

Die Brote wurden süß und süßer, aber keines war imstand den verlorenen Appetit des Königs wieder herbeizubringen.

 

Am Ende wollte er überhaupt nichts mehr von diesen Broten essen, nicht den allerkleinsten Krümel brachte er davon herunter. Die einen schmeckten zu sehr nach Zucker, die anderen nach Honig, wieder andere nach Sirup, übersüß waren sie allesamt und schmeckten einfach scheußlich! Irgendwann wurde es dem König zuviel. Daher befahl er, man möge den Alten suchen, der ihm den Rat mit dem süßesten Brot der Welt gegeben hatte, und diesen vor ihn bringen.

 

Es dauerte eine ganze Weile, aber dann war der alte Mann gefunden und stand vor dem König. Der schaute ihn böse an: „Alter, du hast mich mit deinem dummen Geschwätz vom süßesten Brot der Welt betrogen! Ich sollte dich dafür hängen lassen!“

„Aber warum denn, mein König?“

„Weil mir die süßen Brote, die du mir empfohlen hast, nichts geholfen haben, überhaupt nichts!“

„Mir scheint, mein König, deine Bäcker verstehen sich nicht darauf ein Brot zu backen, wie es zu deiner Genesung nötig ist. Hör zu, Herr König, wenn du wirklich wieder gesund werden und auch das süßeste Brot der Welt essen willst, dann musst du mit mir kommen. Drei Tage lang musst du aber alles ganz genau so machen, wie ich es dir sage. Du wirst sehen, danach bist du geheilt.“

„Drei Tage? Nur drei Tage?“ Der König war misstrauisch.

„Ja, so ist es, mein König. Bist du danach nicht geheilt, so darfst du mir den Kopf abschlagen lassen.“

 

Dem König, wollte er wieder gesund werden, blieb nichts anderes übrig, als mit dem Alten zu gehen. Lange mussten sie gehen, ganz weit vor die Stadt, bis sie endlich an ein großes Kornfeld kamen. In dessen Mitte stand ein kleines einfaches Häuschen, dort hinein führte der Alte den König: „Herr König, ich denke es wird das Beste sein, ich gebe dir einmal ein paar alte Sachen zum Anziehen. Die feinen königlichen Kleider taugen schlecht zu dem, was vor dir steht.“

Damit gab er dem König einige Kleidungsstücke, und danach schüttelte er einen Strohsack und zeigte darauf: „Hier leg dich darauf zur Ruhe, morgen müssen wir früh auf.“

 

Da legte der König seine Gewänder ab und zog die einfachen Kleider des Bauern an. Danach streckte er sich, wie ihm der Alte gesagt hatte, auf dem Strohlage aus. Müde durch die lange und ungewohnte Wanderung schlief er sogleich ein. Am anderen Morgen, in aller Frühe, weckte ihn der Alte und drückte ihm eine Sichel in die Hand: „Komm, wir müssen das Korn schneiden!“

Zum ersten Mal in seinem Leben arbeitete der König in einem Kornfeld. Der Tag war heiß und die Sonne brannte, der König arbeitete und schwitzte und als es Abend war, hatte er vierzig Getreidebündel geschnitten.

Todmüde kehrten die beiden zum Häuschen zurück. Den ganzen Tag hatten sie nichts gegessen, überhaupt nichts! Nur das kühle Wasser der Zisterne hatten sie getrunken. Schwer wie ein Stein sank der König auf sein Lager und war auch sogleich eingeschlafen.

 

Am anderen Morgen weckte ihn der Alte vor Sonnenaufgang: „Steh auf, Herr König, heute müssen wir die Getreidebündel zum Dreschplatz bringen!“

Der König schleppte die Getreidebündel auf den Dreschplatz, dort gab ihm der Bauer einen Flegel in die Hand und der König drosch den ganzen Tag das Korn, bis auch kein einziges Körnlein mehr in den Halmen war. Danach musste der König das Korn in Säcke füllen und diese beim Haus aufstellen. Auch an diesem Tag war es wie am vorangegangenen, viel Arbeit gab es doch nichts zu essen. Wieder war es nur das klare, kühle Wasser der Zisterne, das sie zu sich genommen hatten. Todmüde fiel der König auch an diesem Abend auf sein karges Lager und schlief ein.

 

Am dritten Tag wecke der alte Bauer den König abermals in aller Frühe: „Geschwind steh auf, heute muss das Korn hinauf zur Mühle gebracht werden. Dort werden wir es mahlen.“

Mit diesen Worten wies der Alte den Berg hinauf, auf welchem die Mühle stand. „Nimm du die Säcke auf deinen Rücken, denn ich bin alt und kann sie nicht mehr tragen.“

Was sollte der König da machen, hatte er doch versprochen, allen Anweisungen des Alten zu folgen. Er nahm nacheinander die Säcke auf den Rücken und trug sie den steilen Berg hinauf. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er so etwas wie Hunger, sagte aber nichts.

Gemeinsam mahlten sie das Korn und wieder war es der Königs Rücken, der die vollen Mehlsäcke ins Tag trug.

„Komm, Herr König, nun wollen wir den Teig kneten.“ Damit nahm der Alte den Backtrog, gab Mehl, Salz, Wasser und Hefe hinein und hieß den König tüchtig kneten. Der König knetete den Teig, dass ihm der Schweiß dabei von der Stirne rann. Als er endlich fertig war, schickte ihn der Bauer zum Holzsammeln, damit er den Backofen heizen könne.

Als der König genügend Holz gesammelt und zerkleinert hatte, begann der Alte spätabends den Backofen einzuheizen und aus dem Teig vier große Brote zu formen.

 

Der König war unterdessen hungrig geworden. Ja, sein Magen knurrte so sehr, dass er seinen Hunger nicht mehr verbergen konnte. Mit großer Ungeduld wartete er darauf, dass die Brote, die schon köstlich dufteten, aus dem Ofen kämen. „Ach, was habe ich doch für einen Hunger!“

Der Alte mahnte: „Warte! Du wirst gleich etwas zu Essen bekommen.“ Er stellte Oliven, Tomaten und weißen Käse auf den Tisch.

Als die Brote endlich fertig gebacken waren, holte er sie aus dem Ofen. Der König wartete aber nicht, sondern nahm sich, hungrig wie ein Wolf, eines davon, riss ein Stück ab und begann das noch heiße Brot in sich hineinzustopfen.

Schon beim ersten Bissen wurde sein Gesicht ganz rosig und er rief glücklich aus: „Ja, es stimmt, Alter! Das ist wirklich das süßeste Brot der Welt, obwohl wir doch gar keinen Zucker hinein gegeben haben!“

Jetzt lachte der auch der alte Bauer: „Du musst wissen, dass die Süße des Brotes dein eigener Schweiß ist, den du bei all der Arbeit vergossen hast. Nun aber bist du geheilt. Doch, Herr König, vergiss niemals, das süßeste Brot der Welt kann nur der essen, der hart dafür arbeitet. So nimm denn deine königlichen Kleider und kehre in deinen Palast zurück.. Achte darauf, dass du immer arbeitest, dann wirst du immer Hunger haben.“

 

Da kehrte der König in seinen Palast zurück und schon am darauf folgenden Tag begann er in seinem großen Garten zu haken und zu graben und Rosen zu pflanzen. Von da an arbeitete er alle Tage in seinem Rosengarten. Am Abend aber saß er an seiner Tafel und aß das süßeste Brot und Welt und dachte mit großer Dankbarkeit an den weißhaarigen Alten im Kornfeld.

 

Märchen aus Griechenland. Gefunden in der Zeitschrift „Märchenforum“, Sommer 2013, 58. Ausgabe