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Märchen und Glück | Märchenmund
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Märchen und Glück

Märchen und Glück

In der Vorbereitung auf meinen Erzählabend „Ein kleines Stück vom Glück“ lese ich viel darüber, was andere über das Thema Glück denken. In drei Teilen schreibe ich Gedanken, die mir gefallen, hier auf und suche passende Märchen dazu aus. Diese Märchen sind eine Ergänzung zu dem, was ich in meinem Programm erzähle – welche Märchen im Programm zu Wort kommen, das erfahren meine Zuhörer und Zuhörerinnen.

 

Märchen und Glück – eine Betrachtung, Teil 1

Das Streben nach Glück ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Was zu einzelnen Zeiten darunter verstanden wurde und was der einzelne Mensch unter seinem persönlichen Glück versteht war und ist recht unterschiedlich.

Der Philosoph Wilhelm Schmid bringt in dem kleinen Büchlein „Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist“ eine für mich sehr schöne Übersicht über unterschiedliche Glücksauffassungen zusammen.

Zunächst einmal nennt Schmid das Zufallsglück:

Das Wort „Glück“ leitet sich von dem mittelhochdeutschen Wort „gelücke“ ab. Dies bezeichnete den zufälligen Ausgang einer Sache, sowohl den günstigen als auch den ungünstigen Ausgang. Im Laufe der Zeit verschob sich die Bedeutung hin zu dem günstigen Ausgang.

Das Zufallsglück ist nicht nach Wunsch verfügbar – aber der Mensch kann sich dem Zufall öffnen oder verschließen. Wer mit Aufmerksamkeit für den günstigen Zufall durch die Welt geht, wer bereit ist, ihn für sich zu nutzen, scheint mitunter das Zufallsglück beflügeln zu können. Das Zufallsglück ist immer nur von kurzer Dauer und kann sich im Nachhinein auch als Unglück herausstellen. Viele Sprichworte, Redewendungen und Aphorismen beziehen sich auf das Zufallsglück:

„Glück und Glas, wie schnell bricht das.“

„Glück im Unglück haben.“

„Etwas auf gut Glück tun.“

Wilhelm Busch bezeichnete es so:

„Fortuna lächelt; doch mag sie

nur ungern voll beglücken;

schenkt sie uns einen Sommertag,

schenkt sie uns auch Mücken.“

Märchen, in denen das Zufallsglück eine Rolle spielt, sind oft Schwänke und erzählen von Menschen, die das Glück, das ihnen zufällig in den Schoß gefallen ist, nicht nachhaltig für sich nutzen können. So im Märchen von den „Drei Wünschen“:

 

Die drei Wünsche

Vor Zeiten, und es ist Gewiss schon lange her, da lebte ein armer Holzfäller in einem großen Wald, und jeden Tag seines Lebens ging er hinaus und fällte Holz.

Eines Tages machte er sich also auf, und die Frau füllte ihm den Ranzen und hing ihm die Flasche über den Rücken, damit er im Wald etwas zu essen und zu trinken habe. Er hatte sich eine mächtige alte Eiche angemerkt und meinte, die würde manch ein gutes Brett abgeben. Und als er zu ihr hingekommen war, nahm er die Axt in die Hand und schwang sie so über seinem Kopf, als ob er vorhätte, den Baum mit einem Schlag zu fällen. Aber er hatte noch keinmal zugeschlagen, als er ein ganz jämmerliches Bitten und Betteln hörte, und da stand vor ihm eine Fee und bat und beschwor ihn, doch den Baum zu verschonen. Er war ganz benommen vor Staunen und Furcht, wie ihr euch denken könnt, und vermochte nicht den Mund aufzumachen und ein Wort herauszubringen. Aber schließlich fand er die Sprache wieder und sagte: »Nun, dann will ich tun, was Ihr wünscht.«

»Du hast dir mehr genützt, als du weißt«, antwortete die Fee. »Und ich will mich nicht undankbar zeigen und erfülle euch eure nächsten drei Wünsche, wie immer sie auch sein mögen.«

Und damit war die Fee verschwunden, und der Holzfäller schwang sich seinen Ranzen über die Schulter und band die Flasche an der Seite fest und machte sich auf den Heimweg. Aber der Weg war lang, und der arme Mann war richtig benommen von der wundersamen Sache, die ihm zugestoßen war, und als er heimkam, da hatte er nichts in seinem Schädel als den Wunsch, sich hinzusetzen und auszuruhen. Wer weiß, vielleicht war auch das ein Streich der Fee? Gleichviel, er setzte sich am flackernden Feuer nieder, und als er saß, da wurde er immer hungriger, obgleich es noch eine lange Zeit bis zum Essen war. »Hast du nichts zum Essen da, Alte?« sagte er zu seiner Frau. »Nein, erst in ein paar Stunden«, sagte sie. »Ach«, stöhnte der Holzfäller, »ich wollte, ich hätte einen ordentlichen Kranz Blutwürste vor mir.«

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da kam klapp-klapp, ritsch-ratsch, nichts anderes den Kamin herunter als ein Kranz herrlichste Blutwürste, so fein wie sie eines Menschen Herz nur begehren konnte. Der Holzfäller starrte sie an, aber sein Weib starrte dreimal so sehr. »Was ist denn jetzt das?« sagt sie. Da fiel dem Holzfäller alles wieder ein, was sich am Vormittag zugetragen hatte, und er erzählte die ganze Geschichte der Reihe nach von Anfang bis Ende, und als er erzählte, wurde das Gesicht seines Weibes immer finsterer und finsterer, und als er fertig war, da fuhr sie auf ihn los: »Nichts als ein Narr bist du, Jan, nichts als ein Narr, und wahrhaftig, ich wollte, die Blutwürste wären an deiner Nase.«

Und bevor einer Hans Dampf sagen konnte, saß der Mann da, und seine Nase war um einen feinen Kranz Blutwürste länger. Er zog, aber die Würste blieben, und sie zog, aber die Würste blieben, und beide zogen, bis sie fast die Nase abrissen, aber die Würste blieben und blieben. »Was soll nun geschehen?« sagte er. »Das ist ja wohl klar«, sagte sie und schaute ihn habgierig an. Da merkte der Holzfäller, er müsse schnell wünschen, wenn er wünschte, und er tat es auch und wünschte, die Blutwürste sollten von der Nase loskommen.

Na, da lagen sie in einer Schüssel auf dem Tisch, und wenn auch der Mann und das Weib nicht in einer goldenen Kutsche fuhren oder in Seide und Samt gekleidet waren, nun, so hatten sie doch wenigstens einen Kranz Blutwürste zum Abendessen, so fein, wie eines Menschen Herz sie nur begehren konnte.

Ein Märchen aus England

 

Die Fortsetzung dieser kleinen Betrachtung über Märchen und Glück beschäftigt sich mit dem Wohlfühlglück.